Vorwort

Es war wie ein Geschenk des Himmels. Fast dreihundert Briefe unseres Vaters aus den Jahren 1939/1940 und 1944/1945 hielt ich in den Händen. Er schrieb während seiner Fronteinsätze im Zweiten Weltkrieg Briefe, Feldpostbriefe und Postkarten an seine Familie.

Neben einigen netten Anekdoten hatte ich von unserer Mutter und von den Menschen, die ihn gut kannten, schon viel erfahren, so dass ich mir ein Bild von ihm machen konnte. Gerhard Becker war ein lebensfroher Mann, liebevoll zu seiner Frau und zu seiner Familie. Er war Industriearbeiter, Landwirt, Maurer und Waldarbeiter, gehörte zur Freiwilligen Feuerwehr, sang im Kirchenchor und spielte im Musikverein das Es-Horn. Er war fleißig, ehrlich, hatte eine gute Portion Humor und erfreute sich allgemeiner Beliebtheit.

Fast zweiundsechzig Jahre nachdem er den letzten Brief geschrieben hatte, lag erstmals dieser unermessliche Schatz vor mir. Unsere Mutter hatte dieses große Vermächtnis an die Familie im Stillen bewahrt und war erst vor wenigen Jahren in der Lage gewesen, die Briefe zu erwähnen und sie meinen Schwestern und mir zu zeigen. Im Nachlass befinden sich auch einige sehr herzliche und anrührende Briefe von ihr an den geliebten Mann.

Die Briefe sind voller Informationen über die Tagesabläufe, die Arbeit, die Kameraden und über Ereignisse an der Front. Er tauschte sich mit unserer Mutter über die Familie und den Bauernhof aus, für den sie die alleinige Verantwortung übernommen hatte. Er erlebte die ersten sechs Kriegsmonate als Angehöriger eines Baubataillons in der Eifel am Westwall. Fast vier Jahre war er dann wieder zu Hause, bis er einen erneuten Einberufungsbescheid erhielt. Zunächst war er Soldat im französischen Metz sowie an der Kanalküste bei Boulogne-sur-Mer. Seine Verlegung an die Ostfront begann mit einem Zwischenaufenthalt in Münsingen bei Ulm, bevor er in Polen und in der Tschechoslowakei bei den Frontkämpfen eingesetzt wurde. Seine Schilderungen eines von Zwängen bestimmten Lebens geben ein manchmal fröhliches, oft jedoch nachdenkliches und erschütterndes Bild wieder.

Spürbar sind seine Sorgen um die Familie, um seine Frau, zunächst mit einem, dann mit zwei Kindern, die Sorge um die Mutter, die Pflegetochter, die Schwiegermutter und später um das dritte Kind, das auf dem Wege war, das Licht der Welt zu erblicken. Er schreibt von Heimweh, von Sehnsucht und von der Hoffnung, zu seinen geliebten Menschen zurückkehren zu können, aber auch davon, dass das alles nicht gut enden könnte.

Briefe sind meist etwas sehr Persönliches und nicht immer für Dritte bestimmt. Die Briefe unseres Vaters sind in ihrem Inhalt und ihrer Aussagekraft jedoch ein wertvolles Zeitdokument, sie enthalten eine Friedensbotschaft und vermitteln, was im Zusammenleben der Menschen wirklich wichtig ist. In seinem Brief vom 18. November 1944 findet sich folgender Satz:


„Ich wünschte, auf einen Schlag
wären alle Räder viereckig,
dann müßte es doch ein Ende geben.“


Siebzehn Tage nach meiner Geburt wurde mein Vater am 28. März 1945 Opfer dieses unseligen Krieges, und das zu einem Zeitpunkt, als in seiner Heimat die kriegerischen Auseinandersetzungen bereits beendet waren. Er konnte nicht mehr erfahren, dass ich geboren wurde. Ich ging beim Lesen all der Briefe durch ein Wechselbad der Gefühle. Manchmal mit einem Lächeln oder Lachen, manchmal mit Tränen in den Augen, las ich mich in die mehr als fünfhundert Seiten hinein und durch sie hindurch.

Durch die Briefe erhielten wir Geschwister einen tiefen Einblick in das Denken und Fühlen unseres Vaters, in die fast verzehrende Liebe zu seiner Frau und zu seinen Kindern. Spät, aber nicht zu spät, lernten meine beiden Schwestern und ich ihn in einer Art und Weise kennen, die uns sehr erstaunte. Dieser Mann, der so viel zu sagen hatte, der so wunderbare Briefe schrieb, konnte der Liebe zu den Seinen, den Ängsten, aber auch der Hoffnung auf Frieden in besonderer Weise Ausdruck geben.


Gerhard Becker (jun.)